Standardssetzen als Strategie oder Neue Standards als Strategie
Ladyshake: Revolution Lady Style im Ajz

Grellbunte Flyer, aufwändige Dekorationen und eine Musikmischung, dass die Anlage zittert: Ladyshake-Parties sind laut. Dreimal im Jahr sollen sie stattfinden, zwei davon hat Bielefeld schon erlebt. Alle paar Monate macht sich die Party-Gruppe Ladyshake im Ajz zu schaffen und steckt enorme Energien in eine ganz besondere Idee.

Ladyshake-Parties sind anders als andere. Sie sind organisiert von Ladies - ein Begriff, der mehr fasst, als er auf den ersten Blick erkennen lässt: eigentlich alles, was sich nicht selbst als männlich bezeichnet - für Ladies.
Die Veranstaltungen finden unter verschiedenen Mottos statt und werden lange und detailliert vorbereitet: ausgefallene Dekoration, aussergewöhnliche Cocktails und zahlreiche Bild- und Filmmaterialien werden zur Inszenierung der einzelnen Themen eingesetzt.
Die Plattenteller stehen bei diesen Gelegenheiten auf der Bühne, wo sie nach Ansicht der Ladies auch hingehören. Ihre heterogene Musikmischung nennen sie verwegen RrriotSoulElectroTrashPop und greifen damit ein wesentliches Moment der Gruppe auf: es gibt kein uniformiertes Konzept. Durch eine Definition würden zu viele individuelle Elemente ausgeschlossen.
Ich habe die Gruppe gefragt, warum Begriffsbestimmungen problematisch sein können.

BH: Und ihr alle definiert euch als Frauen? Oder als Ladies?

Ladyshake: Ich glaube, das passt schon. Wir haben auch lange über einen Namen nachgedacht. Wie wir uns definieren. Also ob wir so eine ´Frauengruppe` sind oder eine ´Mädchengruppe` und das haben wir eigentlich alle so einstimmig abgelehnt. Klar definieren sich einzelne auch anders, aber ´Ladies` ist so ein übergeordneter Begriff. Weil sich da auch andere einfinden können. Und das ist dann auch für alle zutreffend in unserer Gruppe.

BH: Wie seid ihr denn zusammengekommen?

LS: Ich glaube, wir haben im Sommer 2002 schon mal zu dritt zusammengesessen und uns gedacht, dass wir uns mal treffen könnten und irgendwie unsere Interessen gemeinsam zu bündeln.

LS: Also meine Intention - und von anderen weiß ich das auch - war schon einfach die, dass wir immer wieder genervt waren, dass es in Bielefeld kaum Parties gab, die uns gefallen haben. Und ich mache schon seit Jahren was im Ajz, und auch gerne, weil es hier der einzige Laden ist, der komplett selbstverwaltet ist. Und ich hatte immer auch wieder Lust, in dem Laden Parties zu veranstalten, die mir auch gefallen. Bis jetzt musste ich halt immer wieder feststellen, dass da immer Parties stattfanden, die sehr männerdominiert waren. Das Ajz ist an sich auch sehr männerdominiert und z.T. sehr mackerig. Und mein Wunsch war immer, es muss doch mal Veranstaltungen geben, wo's nicht so läuft, natürlich jetzt nicht nur auf`s Ajz bezogen. Daher bin ich auch froh, dass wir diese Partygruppe gründen konnten. Und halt da jetzt unsere Ladyshake-Parties machen können.
Und da ich auch schon länger im Ajz auflege und in den letzten zwei Jahren immer wieder versucht habe, die Riot-Grrrl oder queere Musik mal ein bisschen ins Ajz reinzubringen und gemerkt habe, dass ich damit vor Mauern renne, dass die Leute es nicht annehmen und die Musik erst wieder abfeiern, wenn wieder der bekannte Mainstream läuft. Das hat mich total genervt. Ich will doch nicht zu 90% Männermusik hören..

LS: Und ich habe mir immer gewünscht, es sollte mal ein Party-Konzept geben, das dem genau entgegen läuft. Einfach um zu zeigen, es gibt auch coole Frauenbands und coole Frauen, die es schaffen, hier `ne Party zu organisieren und durchzuziehen. Und dass das dann auch erfolgreich laufen kann. Und das waren die letzten Parties, die waren zwei sehr erfolgreiche Parties.

LS: Also mir gings nicht nur um die Musik, es mir auch um so eine Atmosphäre. Weil in der Ajo-Disco ist es halt immer so ein bisschen grölig pöbelig, die Ecken sind immer finster. Und manchmal passieren halt Sachen, mit denen ich mich nicht mehr wohl fühle. Und das war so ein Punkt. Dass das Ajo eigentlich so ein offener Ort ist, aber so völlig mach-eingeschränkt ist, was die Musik betrifft, was die Atmosphäre betrifft, was das Publikum betrifft.
Und das ist halt in anderen Locations nicht anders. Im Kamp gibt's dann halt auch sehr männerdominierte Parties. Oder wo so ein Frauenklischee auftritt, das deutlich an Männerphantasien orientiert ist, das passt mir halt nicht, damit fühle ich mich nicht mehr wohl. Und das war halt auch so ein Anlass, das mal zu ändern. Das ist halt keine Umgebung, in der ich sonderlich Spaß habe, wenn besoffene Typen kurzen Röcken hinterher gucken.
Wir wollen Raum einnehmen.

LS: Ja, ich glaube, es geht uns darum, das alles zu bündeln, was wir wollen. Wir wollen uns präsentieren, visualisieren durch Dekoration, durch Werbung, durch eine Art Konzept. Dann kommen einfach noch mal andere Leute ins Ajo. Wir wollen das alles sichtbar machen, damit es nicht mehr untergeht.

LS: Wir wollen, dass ein Raum entsteht. Damit nicht einfach, sobald `Mädchenmucke` läuft jemand kommt und sich Punkrock wünscht, aber so richtigen.

LS: Das ist mir nämlich positiv aufgefallen: Letztes Mal standen ein paar Leute aus meine Bekanntenkreis vor mir und wollten mich abwürgen. Und dieses Mal hab ich nicht viel anders gemacht und es ist keine gekommen und hat sich über die Musik beschwert. Das ist mir angenehm aufgefallen. Weil ich diesmal schon Schiss hatte, wenn ich da wieder so mein Elektrobrett mache, dass alle kotzen gehen. Und es ging halt diesmal echt. Es hat halt gegriffen, so dass dann auch klar war, in diesem Rahmen ist das möglich.

LS: Es ist halt oft so. Auch wenn ich woanders auflege, wird blöd geguckt, weil ich dann in so einer männerdominierten Musikszene auflege, wenn ich da als Mädchen auflege. Das ist dann immer komisch.

LS: Ich glaube zwar, dass uns das auch auf unseren Parties passieren kann, dass da die Typen sabbernd den Mädchen hinterhergaffen. Aber ich denke, dass solche Typen dann eher in ihre Schranken verwiesen werden können, weil einfach das Umfeld dafür stimmt. Dann stehen sie da vielleicht auch so, haben aber letztlich nicht mehr so viel Schnitte damit wie auf normalen Veranstaltungen, wo das gang und gäbe ist.

LS: Ich glaube einfach, dass sich Frauen, Ladies viel beschützter fühlen. Und wenn dann halt mal jemand ankommt und sagt: "Hier spielt mal Punkrock", dann kann ich sagen: "Ich mach die Party!" und "Was willst du?" Da ist dann einfach der Background da, um nicht von der Bühne zu gehen, sondern den Platz für sich zu bestimmen.

BH: Dass ihr auf der Bühne auflegt gehört auch dazu?

LS: Das war erst gar nicht so bewusst gewählt, aber es stimmt schon. Das ist dieses: sich einfach präsenter zeigen, nicht im dunklen Kämmerlein zu stehen und nicht gesehen werden. Und näher am Geschehen zu sein. Die Party auch mitzuerleben.

BH: Ihr habt euch viel auf die Riot-Grrl-Bewegung bezogen, was ist euch da wichtig? Lehnt ihr eure Ideen an das Riot-Grrrl-Manifest von 1993 an?

LS: Es ist nicht allein Riot-Grrrl, woraus wir unsere Überzeugungen beziehen.
Wir haben da nicht so verbalisierte Standpunkte. Es ist eher so ein Grundgefühl, was wir sein wollen und was nicht. Ohne das jetzt in einer Art Manifest zu definieren. Also mir geht es so.

LS: Obwohl ich schon sehr dadurch beeinflusst bin. Und die Riot-Grrrl-Bewegung für mich in den letzten Jahren die war, mit der ich mich am meisten identifiziert habe. Und so was fließt dann auch unbewusst in das Party-Konzept mit ein.

LS: Ich glaube, das ist für jede von uns anders. Wir kommen aus verschiedenen feministischen Kontexten. Ich finde das schwierig.

LS: Aber eigentlich kann man schon sagen, dass wir uns dafür interessieren. Das geht schon in so eine Richtung. Na gut, das Manifest ist jetzt schon einige Jahre alt, da hat sich einiges geändert. Aber da stehen schon einige Sachen drin, die gut und richtig sind. Und es ist auch die Frage, ob es das Riot-Grrrl-Ding so noch gibt. Vielleicht findet sich das einfach auch in der Ladies-Idee wieder.

LS: Die Riot-Grrrls sind so ein bisschen erwachsen geworden. Es geht einfach nicht mehr darum, der Männerwelt böse den Stinkefinger zu zeigen. Es hat sich halt sehr verschoben.

BH: Welche Rolle spielt denn dann Geschlecht für euch?

LS: Das ist ein bisschen schwierig zu definieren. Wenn es um so etwas wie Gleichberech-tigung geht, dann mag ich nicht immer unterscheiden zwischen Mann und Frau. Das müsste eigentlich wegfallen. Es ist nicht mehr so: Frau sein ist super und wir sind besser als die Jungs. Davon wollte ich weg. Und ich versuche, mein Jungs-Freunde genauso zu behan-deln wie meine Mädchen-Freunde. Ich bewerte erst einmal nur persönliche Beziehungen, nicht geschlechtsspezifische. Wobei das dann in den Beziehungen, die man führt, egal welcher Art, immer wieder auffällt, dass man in vordefinierte Rollen zurückfällt.

LS: Bei mir kommt das auf den Zusammenhang an. Also ich definier mich dann als Frau, wenn ich von anderen als solche behandelt werde. Meistens muss ich mich dann gegen Mackertum abgrenzen oder schützen. Dann trete ich so auf, guck mal hier, ich krieg's auch gebacken... In anderen Zusammenhängen, wo ich nicht so von Mackern umgeben bin, löse ich das für mich auf, da spielt Geschlecht dann keine Rolle mehr. Aber auf Parties als Frau oder als queer aufzutreten heißt auch, sich zu präsentieren, Raum einzunehmen.

LS: Mir wär's lieber, dass es nicht über Geschlecht funktioniert, sondern eher: "Die Leute sind halt okay!" Es waren auf der letzten Party auch einfach viele okaye Leute da. Es passierte nichts, was so mackerig war oder so.

BH: Ist es dann so, dass Ladyshake auch eine Reaktion auf eine ungewollte Fremd-definition darstellt?

LS: Es geht da um so eine Selbstbestimmung. Wenn mich jemand anmackert, dann werde ich nicht unterwürfig. Ich macker dann zurück, wie ich will. Das ist für mich das Lady-Sein. Dass es nicht so funktioniert, wie die andere Person sich das denkt. Es geht immer um Selbstdefinition.

LS: Also es machen nur Frauen Musik, und das fällt den Leuten ja auch auf, ohne dass es jetzt auf dem Flyer drauf steht. Es soll ein bisschen selbstverständ-licher sein. Es ist ja auch einfach normal, dass Frauen auflegen. Und ich glaube, das funktioniert auch immer, ohne dass man da jetzt so dogmatisch daran geht, sondern sagt: "So, wir machen das jetzt einfach!" Klar fällt das Leuten auf, nämlich denen, für die es nicht normal ist. Und dann kann man nämlich einfach durch das ‚Machen' etwas rüberbringen.

BH: Also ist das ‚Machen' für euch eine Art, euch mit dem Thema Geschlecht auseinander-zusetzen. Ihr könnt das sprachlich, müsst es aber nicht. Ihr nehmt den Raum und setzt dort eure Widerborstigkeit gegen die Klischees um. Steht das ‚Machen' im Vordergrund?

LS: Da sein. Präsent sein. Den Raum selbstverständlich nehmen.

Hinter Ladyshake steckt also weit mehr als ein Party-Konzept. Es wird der Bedeutung von Geschlecht in alltäglichen Umgebungen Rechnung getragen und sich aktiv um Raum und - fast noch wichtiger - um Vergnügen gesorgt. Gleichzeitig werden mit ästhetischen Mitteln Themen wie sexualisierte Machtspiele und Verdrängungsproblematiken visualisiert.
Hier findet reflektierte Kulturarbeit statt. Die Auseinandersetzung mit Alltags-Begriffen, die immer schwierig ist, wird über Verhandlung und Diskussion gelöst - oder eben heterogen und unlösbar gelassen.
Bleibt abzuwarten, was das verwöhnte Publikum auf der nächsten Ladyshake-Party im Ajz erwartet. Die Ladies haben ordentlich vorgelegt: Der Standard ist ungewöhnlich hoch.


Britta Hoffarth, 08.09.2003