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des Postfeminismus: Die "riot grrrl"- Bewegung |
1.
Einleitung Frauenbewegung, Frauenforschung, Frauenpolitik
... feministische Theorie und Praxis implizieren seit jeher eine Bezugnahme auf
den Begriff "Frau". Etwas lästig erscheinen deshalb die Stimmen,
die die feministische Kategorie "Frau" auf den Prüfstand stellen:
Seit Anfang der 1990er wird der emanzipatorische und herrschaftskritische Charakter
des Feminismus von Nestbeschmutzerinnen torpediert. Unbequeme Migrantinnen problematisieren
den Feminismus als Projektionsfläche weisser, heterosexueller Feministinnen
des Mittelstandes. Aufmüpfige Queers fordern ihr Recht auf eben diesen Feminismus
ein. Bockige Mädchen brechen mit dem großen feministischen "Wir",
indem sie lautstark eine Mädchenidentität zelebrieren. So wurde für
manche endlich deutlich, dass es den Feminismus, die feministische
Wahrheit nicht geben darf - denn welche will schon dem Patriarchat in die Hände
spielen, indem sie die alleinige Definitionsmacht über den wahren, falschen,
unpolitischen oder brisant-revolutionären Feminismus einfordert? Die
Stimmen, die dem ausschließenden ausschließlichen Feminismus der "Frau-an-sich"
ein Schnippchen schlagen wollen, nenne ich postfeministisch. So zum Beispiel die
... Dieser
Beitrag ist ein Auszug aus der Arbeit: "Im Zeichen des Postfeminismus - Postfeministische
Zeichen? Zur Problematisierung des feministischen Subjektes im Kontext politischer
Handlungsfähigkeit", die vor allem die postkoloniale Kritik von feministischen
Migrantinnen an der "hiesigen Frauenbewegung" aufgreift; bald im Netz
unter
2. ... Riot grrrls Die "riot grrrl"- Bewegung ging aus der
amerikanischen Hardcore- und Punk-Szene hervor. Als symbolischer Auftakt gilt
das 1991 veröffentlichte Manifest "Revolution Girl Style Now",
in dem Mitglieder der Bands "Bikini Kill" und "Bratmobile"
Mädchen und Frauen der Underground-Szene dazu aufrufen, "Alternativen
zu schaffen zur beschissenen, christlich-kapitalistischen Art, die Dinge zu tun
(...) sich gegen den Seelentod zu wehren, öffentlich zu schreien und zu heulen,
Bands zu gründen, Fanzines zu betreiben, sich gegenseitig das Spielen von
Instrumenten beizubringen und überhaupt zurückzuschlagen" (zitiert
in Tietjen 1996: 125). Es folgten Festivals, politische Aktionen und
Gründungen von "Pro-Girls-Gruppierungen" wie Secret Girl Conspiracy,
SWIM (Strong Women in Music) und WAC (Women's Action Coalition).
Die Bezeichnung "riot grrrl" ist als Aufforderung ("riot,
grrrl!!!") zu verstehen, sich gegen patriarchale Normen innerhalb der Musik-
und Kulturszenen zu wehren: "Grrrl bringt das Knurren zurück in unsere
Miezekatzenkehlen. Grrrl zielt darauf, die ungezogenen, selbstsicheren und neugierigen
Zehnjährigen in uns wieder aufzuwecken, die wir waren, bevor uns die Gesellschaft
klar machte, dass es Zeit sei, nicht mehr laut zu sein und Jungs zu spielen, sondern
sich darauf zu konzentrieren, ein girl' zu werden, das heißt eine
anständige Lady, die die Jungs später mögen würden" (Gilbert/Kile
1997: 221). "Riot grrrls" funktionalisieren die aggressive
und laute Musik des Punk und Hardcore für ihre feministischen Ziele. Obwohl
diese Szenen männliche Signifikationssysteme privilegieren (vgl. McRobbie
1981), bieten "Rock und vor allem Punk durch die Herausbildung einer kraftvollen
Kombination von Sex und Wut einen geeigneten Raum (...) für eine Politisierung
des Zusammenhangs von Sexualität und weiblicher Identität" (Gottlieb/Wald
1994: 170). Frauen und Mädchen, die bislang als konstitutives Außen
der Rock-Kultur fungierten (z.B. Konsumentin, Groupie, Fan) werden zu Produzentinnen,
indem sie Bands gründen, Konzerte organisieren und Fanzines herausgeben.
Vor allem die Fanzine-Kultur der "riot grrrls" bietet ein Forum für
Selbstdefinition und -repräsentation von Frauen und Mädchen innerhalb
der Subkultur. Neben einer journalistischen Funktion (Termine, Konzertberichte,
Adressen, Interviews) ermöglichen Fanzines, "private Geschichten und
Geheimnisse zu erzählen, die von der dominanten Kultur unterdrückt und
verboten werden" (Gottlieb/Wald 1995: 182).
3.
"I don't want to play girl to your boy no more" "Noch
immer werden Mädchen in ihrem alltäglichen Leben erniedrigt: auf der
Straße, am Arbeitsplatz und in der Schule, in persönlichen Beziehungen,
in der Familie und auf den Seiten der Mädchenmagazine. Deshalb gibt es Riot
grrrl (...)" (Sheddy 1998: 28). Die Themen, die die "riot grrrls"
in ihren Musiktexten und Publikationen aufgreifen, kongruieren mit denen des klassischen,
institutionalisierten Feminismus. Sexismus als strukturelle Gewalt, sexualisierte
Gewalt, Essstörungen, Heterosexismus oder Homophobie sind von jeher Anknüpfungspunkte
für feministische Kritik. Das eigentlich Neue an der "riot grrrl"-
Subkultur sind die Strategien und Taktiken, mit denen Frauen und Mädchen
ihre Themen in die Öffentlichkeit tragen. Der Begriff "grrrl"
gibt hierfür einen ersten Anhaltspunkt: "Statt unermüdlich darauf
zu bestehen, Frau' genannt zu werden, wie das im Mainstram-Feminismus der
Fall ist, machen Riot Grrrls eine Mädchen-Identität stark: gleichzeitig
kühn und linkisch und auch nicht bloß Girls', sondern trotzige
Grrrls', die der dominanten Kultur ins Gesicht brüllen" (Gottlieb/Wald
1995: 182). Der Begriff "grrrl" hat demnach eine doppelte Funktion:
Zum einen wirkt er irritierend (der graphische Einschub "rrr" ist akustisch
nicht wahrnehmbar, aber dennoch präsent), zum anderen verweist er auf die
vom klassischen Feminismus negierte Phase der weiblichen Adoleszenz. Mary Celeste
Kearny weist darauf hin, dass "the concept of feminine adolescence'
exists as a paradox in Western society because femininity and adolescence are
diametrically opposed to one another" (Kearny 1998: 149). Sie kommt zu dem
Schluss, dass feministische Konzepte weibliche Adoleszenz zumeist ignorieren,
indem sie "girlhood" lediglich als Vor-Stadium zum anerkannten "womanhood"
betrachten. Die Gleichung "Feminismus = Erwachsen" rekurriert zudem
auf dem normativen Gehalt des Begriffs Adoleszenz: Unabhängigkeit, Widerstand
und Rebellion als Charakteristika von Adoleszenz sind männlich konnotiert.
"Riot grrrls" beziehen sich explizit auf die weibliche Adoleszenz-Phase,
indem sie "traditionelle Elemente einer Mädchenkultur herausheben -
wie die Intensität der ersten Mädchenfreundschaften, die Wichtigkeit
der beginnenden Menstruation (...), die enorme Rolle von Geheimnissen und deren
Weitererzählung als Widerstandsform gegen elterliche Kontrolle (...)"
(Gottlieb/Wald 1995: 183). Sie füllen den Begriff Adoleszenz mit "grrrlishness",
indem sie sich offen und laut für eine Form weiblicher Selbstdarstellung
einsetzen, die die "speziellen Erfahrungen von kleinen Mädchen und ihre
kulturelle Formierung weder ausschließt noch unterdrückt und entwertet"
(ebd.: 183). Joanne Gottlieb und Gayle Wald sehen in dem Begriff "grrrl"
den zentralen Aspekt der "riot grrrl"- Bewegung illustriert. Es handelt
sich hierbei um eine "Wiederaneignung der Sprache des Patriarchats"
(ebd.: 182). Die Begriffe "Mädchen" oder "girl" sind
normativ-patriarchal gefüllt und werden in der Regel abwertend verwendet.
Die "riot grrrls" erobern diese Begriffe zurück, indem sie ihnen
eigene, oppositionelle und widersprüchliche Bedeutungen verleihen, die durch
das "rrr" verdeutlicht werden. Dies zeigt sich ebenso in der Wahl der
Band-Namen wie z.B. Hole, Nymphs, Dickless, Babes in Toyland, Cunts with Attitude
oder 7-year-bitches: "Riot grrrls" bedienen sich sexistischer
Klischees, um diese mittels Überbetonung und Ironisierung "ver-kehrt
an diejenigen zurückzugeben, die sie verliehen haben" (Tietjen 1996:
125). Die Annahme und Re-Inszenierung bestehender Stigmata wie "Schlampe"
oder "Hure" ist "eine subversive Politikform, weil die etablierten
Bedeutungen nicht rundweg abgelehnt werden (...), sondern indem die Bedeutungen
im Gegenteil überbetont und so, wenn nicht zerstört, so doch zumindest
lächerlich gemacht werden" (ebd.: 125). Die Bühnenshows der "riot
grrrls" visualisieren diese Politik, indem lauter, aggressiver Punkrock mit
einer sexualisierten Inszenierung einhergeht. Spitzenkleider und Baby-Dolls, "zu
kurze" Röcke, Make-up oder das Spielen von Instrumenten ohne Oberbekleidung
zeugen von einer parodistischen Selbstdarstellung, da die gesungenen oder gebrüllten
Songtexte Vergewaltigung, Missbrauch und Sexismus thematisieren. "Riot grrrls"
inszenieren sich durch ihr Outfit eigenmächtig als sexualisierte Objekte.
So wird das Bild, aus dem "sexistische und misogyne Träume sind"
(Gottlieb/Wald 1995: 185), ins Scheinwerferlicht gezerrt. Gottlieb und Wald beschreiben
diese Darstellungs-formen als "eine Art Gegengift gegen die vorausgegangenen
Vergewaltigungen (...) " (ebd.: 185). Aus diesem Grund stellen die Bühnenshows
der "riot grrrls" eine feministische Praxis dar. Ihre überzeichneten,
sexualisierten Inszenierungen greifen den patriarchalen, sexistischen Blick auf,
um ihn dem Publikum ironisiert entgegenzuschleudern. Diese "zynische Verbeugung
vor der Porno- und Kulturindustire" (Tietjen 1996: 125) beschreibt Sabine
Tietjen als den "kynischen Trick" (ebd.: 126), der auf den Philosophen
Diogenes von Sinope zurückgeht. Dieser wurde von den Bürgern "ho
kyon", der Hund, genannt, da er in einer Tonne auf dem Marktplatz wohnte.
Er reagierte auf diese Beleidigung nicht mit Ablehnung, sondern nahm den Titel
an, indem er den Bürgern ans Bein pinkelte. Der kynische Trick wirkt irritierend,
da die Annahme von (fremd)auferlegten Stigmata überraschend und unerwartet
erfolgt: Anstatt sich gegen die Termini "Schlampe" oder "Hure"
zu wehren, zelebrieren "riot grrrls" diese Begriffe, indem sie sich
z.B. mit Lippenstift "Schlampe" auf den Bauch schreiben. An diesem Beispiel
wird deutlich, dass es sich bei dem kynischen Trick um eine Spielart des "semiotischen
Guerillakriegs" (vgl. Eco 1967) handelt. Stigmatisierende Zeichen werden
nicht einfach angenommen, sondern überbetont. Die sexualisierten Inszenierungen
der "riot grrrls" erlangen ihren zynischen Charakter, indem direkt und
explizit auf die Verobjektivierung hingewiesen wird - nämlich durch den Wortlaut
"Schlampe", der auf dem nackten Oberkörper steht. Diese überzeichnete
Verwendung sexualisierter Symboliken gleicht einer parodistischen Selbstinszenierung
im Sinne Butlers (vgl. Butler 1991: 209ff.). Indem sich "riot grrrls"
eigenmächtig als sexualisierte Objekte in Szene setzen, folgen sie dem patriarchalen
Blick. Hier greift Butlers Gedanke der subversiven Wiederholung: "In bestimmter
Hinsicht steht jede Bezeichnung im Horizont des Wiederholungszwanges; daher ist
die Handlungsmöglichkeit' in der Möglichkeit anzusiedeln, diese
Wiederholungen zu variieren" (Butler 1991: 213). "Riot grrrls"
handeln in diesem Sinne: Sie wiederholen den patriarchalen Blick durch die Annahme
der Stigmata "Hure" oder "Schlampe", indem sie die dafür
vorgesehenen Symboliken (z.B. körperbetonte oder gar keine Kleidung) verwenden;
gleichzeitig variieren sie den patriarchalen Blick, da sie ihn in einem anti-sexistischen
Kontext äußern - ihre Musiktexte und Publikationen sind feministisch.
"Riot grrrls" verschieben den hegemonial-sexistischen Blick, indem sie
ihn annehmen, überbetonen und ihn damit ad absurdum führen. Sie greifen
zu dem Mittel der Ironie, dessen Zweck die Irritation der patriarchalen Matrix
ist. Sexistische und misogyne Zeichen funktionieren im feministischen Kontext
als zynischer Aufruf, die patriarchale Matrix zu zerstören. Der politische
Kampf auf der Ebene der Zeichen, der "semiotische Guerillakrieg", manifestiert
sich demnach in der Überbetonung von Zeichen, die durch den kynischen Trick
und der subversiven Wiederholung im Sinne Butlers erfolgen; eine weitere
Waffe im Kampf um die Signifikation stellt die Strategie der Bricolage
dar. Das Konzept der Bricolage recodiert und relokalisiert Zeichen innerhalb des
hegemonialen Zeichensystems. Zeichen werden aus ihrem ursprünglichen Bedeutungszusammenhang
gerissen und an anderer Stelle lokalisiert. Das als Überschrift verwendete
Zitat eines Flugblattes der "riot grrrls" - "I don't want to play
girl to your boy no more" - ist aus diesem Grund nicht nur inhaltlich im
Sinne einer anti-sexistischen Parole zu begreifen, sondern steht für die
Politik der Bricolage: Die Gegenüberstellung der normativ gefüllten
Zeichen Mädchen/Junge oder männlich/weiblich wird abgelehnt. Die ursprüngliche
Bedeutung des Zeichens "Mädchen" - z.B. passiv, leise, zurückhaltend
- wird mit neuen Bedeutungen gefüllt, die an anderer Stelle des Zeichensystems
lokalisiert waren. Laut, aggressiv oder aktiv sind männlich konnotierte Attribute,
die die "riot grrrls" für sich beanspruchen und damit der patriarchalen
Zeichenproduktion zuwiderhandeln. Zudem ist die Strategie der subversiven Wiederholung
und die der Bricolage vor dem Hintergrund der postmodernen Philosophie Lyotards
als ein Sprachspiel zu verstehen; in ihr kommt die "Legitimität
radikaler Pluralität der Sprachspiele, Lebensweisen, Handlungsformen"
(Fechner 1990: 29) zum Ausdruck: Patriarchale Begriffe gelangen unzensiert in
den Diskurs einer feministischen Bewegung - und werden durch Sprachspiele, die
ihnen neue, anti-sexistische Konnotationen verleihen, zurückerobert. Allerdings
führen die Sprachspiele der "riot grrrls" oftmals zu Missverständnissen
und Fehlinterpretationen, wie folgendes Beispiel illustriert. 4.
Von den "riot grrrls" zu den "Girlies" Zu Beginn erwähnte
ich bereits, dass die politischen Taktiken der "riot grrrls" als eine
neue Form feministischer Praxis gewertet werden können. Die ironisierte Selbstzuschreibung
von Stigmatisierungen im Kontext des kynischen Tricks sowie die subversive Wiederholung
des patriarchalen Blicks sind politische Strategien, die bislang kaum innerhalb
feministischer Politik-Konzeptionen zu finden waren (vgl. Nave-Herz 1993).
Der Grund hierfür ist die gewollte Gratwanderung, die dieser Politik der
Überbetonung und Bricolage innewohnt. Normative feministische Politikentwürfe
codieren "sexualisiert" als sexistisch (so z.B. der liberale Feminismus
der EMMA oder Teile des linksradikalen Feminismus), während "riot grrrls"
die "zynische Sexualisierung" als feministisch begreifen. Die Grenzen
zwischen den beiden Polen "Sexualisierung = Sexismus/Objektstatus" und
"zynische Sexualisierung = Feminismus" sind hybrid, da sie individuell
empfunden werden. Die Unterscheidung von Zynismus auf der einen und Sexismus auf
der anderen Seite, die die Strategie der ironischen Inszenierung verlangt, ist
vorraussetzungsvoll und kann demzufolge zu Missinterpretationen führen. Tietjen
zeigt dies in ihrem Aufsatz "Girlies - eine lachende Revolte" (1996).
Sie untersucht über 150 Artikel, Berichte und Reportagen, um zu verdeutlichen,
wie die "riot grrrl"- Bewegung von den Medien vereinnahmt, bagatellisiert
und umgedeutet wurde. Ihrer Analyse zufolge begann 1994 die Erschaffung von
"weiblichen Wunderwesen in Blümchenrock und Kampfstiefeln'"(Tietjen
1996: 120) seitens Allegra, BZ, Bravo Girl, EMMA, FAZ, Spiegel, Stern, taz
oder Zeit. Allen gemeinsam ist die Entpolitisierung und Domestizierung
der "riot grrrl"- Subkultur durch das Verschweigen des feministischen
Kontextes dieser Bewegung. Aus den "riot grrrls" wird das "Girlie
- Phänomen" (vgl. Tietjen 1996: 124), das reibungslos in einen sexistischen
Diskurs mündet. Es ist die Rede von "frechen Lolly-Lolitas" und
"nur scheinbar unschuldigen Schulmädchen", die lieber "eine
69er- Nummer schieben (...) als die 68er- Bewegung endlos fortzusetzen".
Die "neuen Mädchen" sind "meistens klein (oder groß),
frech, sexy und so hübsch, als gebe es für das Hübschsein Bargeld
auf dem Postamt". Zudem haben "Girlies knallenge, irre Klamotten, super-sexy
Outfits, straffe Haut und leuchtende Augen, mit Karriereweibern (...) nichts im
Sinn" und überlassen "das Denken (...) gern den Männern"
(vgl. Tietjen 1996: 120-124). Tietjen kommt zu dem Ergebnis, dass die "riot
grrrl"- Bewegung "durch die Presse vereinnahmt und durchaus patriarchal
um- bzw. neukonstruiert" (ebd.: 133) wurde. Außerdem ließ sich
- neben Teilen des linksradikalen Feminismus - der "feministische Medien-Mainstream
(...) überwiegend auf den konstruierten Männer-Mythos" ein und
verschenkte die "Definitionsmacht" (ebd.: 133) über die feministische
Subkultur der "riot grrrls". Die Gründe hierfür liegen meiner
Ansicht nach in dem Unverständnis gegenüber den Taktiken der "riot
grrrls". Die normativ-feministische Codierung "sexualisiert = sexistisch"
weist der "riot grrrl"- Subkultur einen anti-emanzipatorischen Impetus
zu. Dies geschieht durch eine isolierte Betrachung der Strategie der "subversiven
Wiederholung": Wenn nur die Wiederholung des patriarchalen Blicks
wahrgenommen wird, führt dies gezwungenermaßen zu einer Interpretation,
die "sexualisiert" mit "sexistisch" gleichsetzt. Ausschlaggebend
ist demnach die Betrachtung der Variation des patriarchalen Blicks, die
Äußerung desselben innerhalb eines feministischen Kontextes. Fließt
diese Subversion der patriarchalen Matrix nicht in die Analyse der "riot
grrrl"- Subkultur mit ein, bleibt der anti-sexistische, emanzipatorische
Anspruch der Bewegung verborgen. Eine einseitige Perspektive auf die Strategien
und Taktiken der "riot grrrls", die ausschließlich das Moment
der Wiederholung und nicht das der Subversion erkennt, führt demnach zu einer
Missinterpretation der Subkultur. Der klassische Feminismus, sei es der liberale
der EMMA oder der linksradikale, tappt so in die Falle des Patriarchats.
Vor diesem Hintergrund ist die Umdeutung der "riot grrrls" seitens des
feministischen Mainstreams zu verstehen. Aus "riot grrrls" werden "Girlies",
da der ironische und zynische Charakter der "riot grrrl"- Politik unberücksichtigt
bleibt. Die Sprachspiele der "riot grrrls" werden als eine Spielart
des patriarchalen Zeichensystems bagatellisiert. 5.
"Grrrls only" Kearny kennzeichnet in ihrem Aufsatz "'Don't
Need You': Rethinking Identity Politics And Separatism From A Grrrl Perspective"
(1998) die politische Praxis der "riot grrrl"- Bewegung als eine Praxis
der Abgrenzung: "Riot grrrls have adopted the radical political philosophy
and practice of separatism in order to liberate themselves from the misogyny,
ageism, and, for some, homophobia and racism they experience in their everyday
lives" (Kearny 1998: 149). Sie thematisiert hiermit den problematischen Aspekt
einer essentialistischen Politik, die eine Subjektpositionierung aufgreift - in
diesem Fall die Subjektpositionierung "grrrl" - und diese zum Ausgangspunkt
politischer Handlungen stilisiert. Ich argumentiere mit Hall, dass eine "Politik,
die darin besteht, Identität in der Differenz zu leben - eine Politik, die
anerkennt, dass wir alle aus vielen sozialen Identitäten, nicht aus einer
einzigen, zusammengesetzt sind" (Hall 1994: 84) handlungsleitend für
postfeministische Politikformen ist. Eine Identitäten-Politik im Namen der
"Frauen", "Schwarzen" oder "grrrls" birgt die Gefahr
einer Essentialisierung und Universalisierung dieser Identifizierungen; weitere
Subjektpositionierungen werden durch diese Abstraktion ausgeschlossen oder subsumiert.
Kearny umschreibt die Problematik einer feministischen Politik, die auf dem Unterdrückungsmoment
Sexismus rekurriert, folgendermaßen: "The homogenizing effect of a
separatist women's culture might be compared to the colonizing effect of patriachal
fantasies, wherein the diffrences among women are ignored so as to totalize all
members into one containable category, women'" (Kearny 1998: 165).
Trotz dieser expliziten Kritik an separatististischen Ansätzen hält
Kearny eine Identitäten-Politik für unerlässlich: "Considering
the subordination of adolescent girls in our society, it seems only natural that
riot grrrls are separating from males and older women as well as mainstream culture
(...) to establish and assert their own sociopolitical identity via a culture
that remains distinctly girl-oriented and unadulterated. Seperatism works for
riot grrrls because it is temporary tactic enacted for safety and empowerment"
(ebd.: 149). Das Dilemmata feministischer Theorie und Praxis ist die
gleichzeitige Unverzichtbarkeit sowie Unmöglichkeit einer Bezugnahme auf
ein feministisches "Wir". Unmöglich, da postkoloniale feministische
Kritik zeigt, dass ein feministisches "Wir" Hegemonie sichert und Ausschlüsse
produziert; unverzichtbar, da politische Schlagkraft und Handlungsfähigkeit
sich im Namen der "Frauen", "grrrls", "Schwarzen",
"Lesben" etc. äussert: "Separatism has functioned for such
groups first as a survival tactic, a temporary means of acquiring social, political,
and cultural space and time by separating from hegemonically defined and controlled
institutions, relationships, and roles" (Kearny 1998: 151). Der Ambivalenz
von Unmöglichkeit und Unverzichtbarkeit einer Identitäten-Politik stellt
Gayatri Chakravorty Spivak den Entwurf des strategischen Essentialismus
entgegen. Indem sie eine Unterscheidung zwischen essentialistischer und strategisch-essentialistischer
Politik vornimmt, formuliert sie einen Ausweg aus dem Dilemmata feministischer
Theorie und Praxis. Spivak argumentiert, dass "political agency is impossible
without the creation of a common group identity formed through a strategic
essentialism' (...) which allows the disempowerment to own a place, to own their
voices, and, thus, to assert themselves within hegemonic structures and relationships"
(zitiert in Kearny 1998: 152). Das Konzept des "strategischen Essentialismus"
wird in dem Ansatz des Combahee River Collectives deutlich: "The women
involved in the Combahee River Collecive during the 1970s formulated a theory
of identity politics' which allowed them to ground and motivate their political
oppositional practices in their own experience as African-American women (...)
the Combahee theory does not require its practitioners to essentialize into one
category (e.g. woman). Instead, it allows them to assert their multiple subject
positions and identifications (...) in order to resist the simultaneous oppressions
which result from that heterogenous identity" (Kearny 1998: 168).
Kearny weist darauf hin, dass "many non-white and non-Western feminists have
argued that a group's self-definition as marginal should never be confused with
the strategies of homogenization and marginalization involved in forms of cultural
hegemony such as colonialism" (ebd.: 166). Die Feministischen Migrantinnen
Frankfurt (FeMigra) sprechen in ihrem Aufsatz "Wir, die Seiltänzerinnen.
Politische Strategien von Migrantinnen gegen Ethnisierung und Assimilation"
(1994) von einer "Gratwanderung" (FeMigra 1994: 49), auf die sie sich
begeben, wenn sie die Bezeichnung "Migrantinnen" als politische Identität
formulieren. Die Konstruktion einer strategisch gedachten Identität ist "möglicherweise
für einige ausschließend und für andere wiederum einengend"
(ebd.: 49). Die Reflexion dieser Problematik markiert den Unterschied zwischen
einer essentialistischen und einer strategisch-essentialistischen Politik. Erstere
führt zu einer ahistorischen, kontextlosen Bezugnahme auf die Kategorie "Frau".
Die Politik des strategischen Essentialismus will jedoch die Differenzen innerhalb
der Kategorie "Frau" betonen und aufwerten. In diesem Zusammenhang ist
die temporäre Ausrichtung des strategischen Essentialismus von großer
Bedeutung, da diese den strategischen Gestus des Konzeptes unterstreicht. Eine
temporäre Strategie impliziert die ständige Reflexion von politischen
Konzeptionalisierungen; die Inblicknahme von möglichen Modifikationen - seien
es gesellschaftliche oder gruppeninterne - wirken kontextlosen und ahistorischen
Bestimmungen von politischen Taktiken und Zielen entgegen. Eine strategisch-essentialistische
Politik beinhaltet somit die Forderung nach einer unbedingten und ständigen
Reflexion der eigenen Positionierungen und Aussagen: Von wo aus spreche ich?
Vor welchem Hintergrund entwickle ich meine Positionen? In welchem Kontext entsteht
meine Theorie und meine politische Praxis? Die Beantwortung dieser Fragen
führt zu einer kritischen Selbstreflexion, die Prämisse für eine
strategisch-essentialistische Politik ist. Kearny sieht in der "riot grrrl"-
Bewegung diese Politik verwirklicht: "For riot grrrls, identity politics
means making a claim for and taking back what is theirs - adolescent girlhood
- and reconstructing it as a position of social identification and political agency"
(Kearny 1998: 156). Und weiter: "It might be helpful to look to groups such
as riot grrrl to understand how a common group identity can be created, maintained,
and powerfully asserted in a way that does not require ist members to abstract
themselves from their specific subject positions and individual interests in history
and society" (ebd.: 150). Wie bewerkstelligen "riot grrrls"
die Herausforderung einer Nicht-Abstraktion von individuellen Subjektpositionierungen
bei gleichzeitiger Formulierung der gemeinsamen politischen Identität "grrrl"?
Das anschaulichste Beispiel hierfür ist das "Riot Grrrl- Manifest".
Die Bezeichnung "Manifest" ist irreführend, da es sich nicht um
die Formulierung allgemeingültiger, feststehender politischer Programme oder
Forderungen handelt. Das Gegenteil ist der Fall: Seit Veröffentlichung des
"Manifestes" (1991) wird es ständig korrigiert, erweitert oder
revidiert. Der Entwurf kursiert von grrrl zu grrrl, von Gruppe zu Gruppe und wird
immer wieder neu gestaltet und erarbeitet. Diese prinzipielle Offenheit der "riot
grrrl"- Medien wird außerdem durch die Fanzine-Kultur verdeutlicht,
da jedes "grrrl" die Möglichkeit hat, selbst ein Fanzine herauszugeben
und/oder unzensiert ihre Meinung oder ihre persönlichen Erlebnisse in einem
Fanzine wiederzugeben. Das Ergebnis der offenen Medienpolitik zeigt sich in der
komplexen inhaltlichen Ausgestaltung der "riot grrrl"- Fanzines. Die
Bandbreite erstreckt sich von dem Erzählen individueller Geschichten über
Gedichte und Kurzgeschichten bis hin zu Konzertberichten, politischen Aufrufen
oder theoretisch-feministischen Artikeln. Dieser patchworkartige Charakter der
"riot grrrl"- Medien führt zu einer Selbstpräsentation der
"grrrls", die Vielfalt und Offenheit signalisiert. Einer vereinheitlichenden
und abstrahierenden Definition wird so entgegengewirkt. Der Begriff "riot
grrrl" ist daher kein Begriff, der sich normativ füllen lässt;
seine Bedeutung erschließt sich kontextuell, da die Subjektpositionierungen
der jeweiligen Fanzine-Autorin/Sängerin/Künstlerin etc. ausschlaggebend
für den Gehalt des Begriffes sind. Meiner Ansicht nach illustriert das
Fanzine-Konzept der "riot grrrls" die Lyotard'sche Forderung nach einem
"Patchwork der Minderheiten". Die inhaltliche Vielfalt der Veröffentlichungen
gleichen heterogenen Sprachspielen im Sinne Lyotards: "Die Gerechtigkeit
wäre folgende: der Vielfalt und Unübersetzbarkeit der ineinander verschachtelten
Sprachspiele ihre Autonomie, ihre Spezifität zuzuerkennen, sie nicht aufeinander
zu reduzieren; mit einer Regel, die trotzdem eine allgemeine Regel wäre,
nämlich laßt spielen ... und laßt uns in Ruhe spielen'"
(Lyotard 1982: 33). Diese "allgemeine Regel" korrespondiert
mit der undogmatischen Medienhandhabung der "riot grrrls". Da jedem
"grrrl" die Möglichkeit gegeben ist, ihre eigene Geschichte oder
politischen Interessen darzustellen, spricht jede für sich - "autonom"
und "spezifisch", um es mit Lyotard auszudrücken. Es ergibt sich
ein "Patchwork der Minderheiten", ein "Patchwork der Subjektpositionierung
grrrl'", da der Begriff "grrrl" sich kontextuell und perspektivistisch
aus der Position jeder einzelnen Autorin/Künstlerin/Musikerin erschließt.
Der Abstand zu normativen Entwürfen des Begriffs "grrrl" wird gewährleistet,
indem die unterschiedlichen Subjektpositionierungen artikuliert und so abstrakte
Gesamtdeutungen des Begriffs "grrrl" verhindert werden. Hieraus
schließe ich, dass das politische Konzept des "Patchwork der Minderheiten"
einen strategisch-essentialistischen Charakter aufweist. Dies wird vor allem durch
die Nähe zu den Überlegungen Butlers deutlich: Butler proklamiert die
Notwendigkeit der Kategorie "Frau" für den Feminismus, meint aber,
dass der Feminismus nicht wissen muss, wer diese "Frauen" sind (vgl.
Butler 1993). Ähnlich verhält es sich mit der Subjektpositionierung
"grrrl". Zwar bezieht sich die "riot grrrl"- Bewegung immer
wieder auf diesen Entwurf, verhindert jedoch durch die offene und heterogene Medienpräsentation
eine inhaltlich-normative Bestimmung des Begriffes, der Ausschlüsse produziert.
4.
Zusammenfassung Postfeministische Politik-Konzeptionen handeln sich den
Vorwurf des Unpolitischen ein, da der klassische Feminismus - sei es der liberale
oder linksradikale - an althergebrachten Politikformen festhält. Postfeministische
Politik-Entwürfe erschließen neue feministische Widerstandsformen wie
die der subversiven Wiederholung des patriarchalen Blicks oder die der parodistischen
Selbstdarstellung im Sinne des "kynischen Tricks". Ironie, Zynismus
und Subversion als politisch relevante Strategien und Taktiken werden oftmals
im Kontext normativer feministischer Politik missverstanden, da sie patriarchale
Klischees visualisieren und aufgreifen: Wenn ausschließlich die Darstellung
patriarchaler Bilder wahrgenommen und der anti-sexistische, feministische Kontext
dieses Konzeptes verschwiegen und übersehen wird, führt dies zu einer
Umdeutung und Missinterpretation postfeministischer Taktiken als anti-emanzipatorisch.
Die Herausforderungen, vor denen der normative Feminismus steht - Problematisierung
des feministischen "Wirs" sowie Infragestellung politischer Grundlagen
- illustrieren zugleich die Herausforderungen an postfeministische Zeichen. Es
gilt, den Vorwurf des Unpolitischen zu widerlegen und aufzuzeigen, dass gerade
der Verlust normativer Konzeptionen als Gewinn für die feministische Theorie
und Politik zu werten ist. Ich begreife eine Politik im Zeichen des Postfeminismus
als notwendigen Schritt in Richtung eines herrschaftskritischen, emanzipatorischen
Feminismus. Das Zeichen "Frau" wird durch die postfeministische
Perspektive von seinem normativen Gehalt befreit und so in eine Zukunft vielfältiger,
heterogener Bedeutungen entlassen - die Kodifizierung einer "Anderen Frau",
(die, die dem Feminismus nicht angehört, die Unpolitische, die "Schlampe",
die Migrantin etc.) durch autoritäre Benennungspraktiken ist in diesem Zusammenhang
nicht länger möglich. Das postfeministisch konnotierte Zeichen "Frau"
lässt sich nicht universalistisch, abstrakt oder essentiell fassen. Es ist
ein "Patchwork der Minderheiten", dem keine Mehrheit gegenübergestellt
werden kann. So werden Ausschluss und Subsumtion der "Anderen Frauen"
vermieden. Um dem eigenen Anspruch eines herrschaftsfreien Impetus gerecht zu
werden, situiere ich Politik im Zeichen des Postfeminismus im Kontext eines strategischen
Essentialismus. Dieser garantiert politische Handlungsfähigkeit jenseits
eines kollektiven Subjektes "Frau", da er reflexiv und undogmatisch
die Offenheit und Heterogenität des Zeichens "Frau" als oberstes
Postulat bewahrt, ohne jedoch den Gebrauch des Zeichens zu zensieren. Es gibt
sie also noch, diese "Frauen" - nur weiß niemand mehr, wer sie
eigentlich sind (vgl. Butler 1993). Postfeministische Zeichen produzieren daher
Uneindeutigkeiten, die jedoch nicht mit Unsicherheiten zu verwechseln sind: Es
ist sicher, dass die Uneindeutigkeit des postfeministischen Zeichens "Frau"
jenseits der Macht anzusiedeln ist - und daher eine Politk impliziert, die pointiert
und schlagkräftig die patriarchale Matrix subvertiert.
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