Spielarten des Postfeminismus: Die "riot grrrl"- Bewegung

 

1. Einleitung
Frauenbewegung, Frauenforschung, Frauenpolitik ... feministische Theorie und Praxis implizieren seit jeher eine Bezugnahme auf den Begriff "Frau". Etwas lästig erscheinen deshalb die Stimmen, die die feministische Kategorie "Frau" auf den Prüfstand stellen: Seit Anfang der 1990er wird der emanzipatorische und herrschaftskritische Charakter des Feminismus von Nestbeschmutzerinnen torpediert. Unbequeme Migrantinnen problematisieren den Feminismus als Projektionsfläche weisser, heterosexueller Feministinnen des Mittelstandes. Aufmüpfige Queers fordern ihr Recht auf eben diesen Feminismus ein. Bockige Mädchen brechen mit dem großen feministischen "Wir", indem sie lautstark eine Mädchenidentität zelebrieren. So wurde für manche endlich deutlich, dass es den Feminismus, die feministische Wahrheit nicht geben darf - denn welche will schon dem Patriarchat in die Hände spielen, indem sie die alleinige Definitionsmacht über den wahren, falschen, unpolitischen oder brisant-revolutionären Feminismus einfordert?
Die Stimmen, die dem ausschließenden ausschließlichen Feminismus der "Frau-an-sich" ein Schnippchen schlagen wollen, nenne ich postfeministisch. So zum Beispiel die ...

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus der Arbeit: "Im Zeichen des Postfeminismus - Postfeministische Zeichen? Zur Problematisierung des feministischen Subjektes im Kontext politischer Handlungsfähigkeit", die vor allem die postkoloniale Kritik von feministischen Migrantinnen an der "hiesigen Frauenbewegung" aufgreift; bald im Netz unter


2. ... Riot grrrls
Die "riot grrrl"- Bewegung ging aus der amerikanischen Hardcore- und Punk-Szene hervor. Als symbolischer Auftakt gilt das 1991 veröffentlichte Manifest "Revolution Girl Style Now", in dem Mitglieder der Bands "Bikini Kill" und "Bratmobile" Mädchen und Frauen der Underground-Szene dazu aufrufen, "Alternativen zu schaffen zur beschissenen, christlich-kapitalistischen Art, die Dinge zu tun (...) sich gegen den Seelentod zu wehren, öffentlich zu schreien und zu heulen, Bands zu gründen, Fanzines zu betreiben, sich gegenseitig das Spielen von Instrumenten beizubringen und überhaupt zurückzuschlagen" (zitiert in Tietjen 1996: 125).
Es folgten Festivals, politische Aktionen und Gründungen von "Pro-Girls-Gruppierungen" wie Secret Girl Conspiracy, SWIM (Strong Women in Music) und WAC (Women's Action Coalition).
Die Bezeichnung "riot grrrl" ist als Aufforderung ("riot, grrrl!!!") zu verstehen, sich gegen patriarchale Normen innerhalb der Musik- und Kulturszenen zu wehren: "Grrrl bringt das Knurren zurück in unsere Miezekatzenkehlen. Grrrl zielt darauf, die ungezogenen, selbstsicheren und neugierigen Zehnjährigen in uns wieder aufzuwecken, die wir waren, bevor uns die Gesellschaft klar machte, dass es Zeit sei, nicht mehr laut zu sein und Jungs zu spielen, sondern sich darauf zu konzentrieren, ein ‚girl' zu werden, das heißt eine anständige Lady, die die Jungs später mögen würden" (Gilbert/Kile 1997: 221).
"Riot grrrls" funktionalisieren die aggressive und laute Musik des Punk und Hardcore für ihre feministischen Ziele. Obwohl diese Szenen männliche Signifikationssysteme privilegieren (vgl. McRobbie 1981), bieten "Rock und vor allem Punk durch die Herausbildung einer kraftvollen Kombination von Sex und Wut einen geeigneten Raum (...) für eine Politisierung des Zusammenhangs von Sexualität und weiblicher Identität" (Gottlieb/Wald 1994: 170). Frauen und Mädchen, die bislang als konstitutives Außen der Rock-Kultur fungierten (z.B. Konsumentin, Groupie, Fan) werden zu Produzentinnen, indem sie Bands gründen, Konzerte organisieren und Fanzines herausgeben. Vor allem die Fanzine-Kultur der "riot grrrls" bietet ein Forum für Selbstdefinition und -repräsentation von Frauen und Mädchen innerhalb der Subkultur. Neben einer journalistischen Funktion (Termine, Konzertberichte, Adressen, Interviews) ermöglichen Fanzines, "private Geschichten und Geheimnisse zu erzählen, die von der dominanten Kultur unterdrückt und verboten werden" (Gottlieb/Wald 1995: 182).

3. "I don't want to play girl to your boy no more"
"Noch immer werden Mädchen in ihrem alltäglichen Leben erniedrigt: auf der Straße, am Arbeitsplatz und in der Schule, in persönlichen Beziehungen, in der Familie und auf den Seiten der Mädchenmagazine. Deshalb gibt es Riot grrrl (...)" (Sheddy 1998: 28).
Die Themen, die die "riot grrrls" in ihren Musiktexten und Publikationen aufgreifen, kongruieren mit denen des klassischen, institutionalisierten Feminismus. Sexismus als strukturelle Gewalt, sexualisierte Gewalt, Essstörungen, Heterosexismus oder Homophobie sind von jeher Anknüpfungspunkte für feministische Kritik. Das eigentlich Neue an der "riot grrrl"- Subkultur sind die Strategien und Taktiken, mit denen Frauen und Mädchen ihre Themen in die Öffentlichkeit tragen. Der Begriff "grrrl" gibt hierfür einen ersten Anhaltspunkt: "Statt unermüdlich darauf zu bestehen, ‚Frau' genannt zu werden, wie das im Mainstram-Feminismus der Fall ist, machen Riot Grrrls eine Mädchen-Identität stark: gleichzeitig kühn und linkisch und auch nicht bloß ‚Girls', sondern trotzige ‚Grrrls', die der dominanten Kultur ins Gesicht brüllen" (Gottlieb/Wald 1995: 182).
Der Begriff "grrrl" hat demnach eine doppelte Funktion: Zum einen wirkt er irritierend (der graphische Einschub "rrr" ist akustisch nicht wahrnehmbar, aber dennoch präsent), zum anderen verweist er auf die vom klassischen Feminismus negierte Phase der weiblichen Adoleszenz. Mary Celeste Kearny weist darauf hin, dass "the concept of ‚feminine adolescence' exists as a paradox in Western society because femininity and adolescence are diametrically opposed to one another" (Kearny 1998: 149). Sie kommt zu dem Schluss, dass feministische Konzepte weibliche Adoleszenz zumeist ignorieren, indem sie "girlhood" lediglich als Vor-Stadium zum anerkannten "womanhood" betrachten. Die Gleichung "Feminismus = Erwachsen" rekurriert zudem auf dem normativen Gehalt des Begriffs Adoleszenz: Unabhängigkeit, Widerstand und Rebellion als Charakteristika von Adoleszenz sind männlich konnotiert.
"Riot grrrls" beziehen sich explizit auf die weibliche Adoleszenz-Phase, indem sie "traditionelle Elemente einer Mädchenkultur herausheben - wie die Intensität der ersten Mädchenfreundschaften, die Wichtigkeit der beginnenden Menstruation (...), die enorme Rolle von Geheimnissen und deren Weitererzählung als Widerstandsform gegen elterliche Kontrolle (...)" (Gottlieb/Wald 1995: 183). Sie füllen den Begriff Adoleszenz mit "grrrlishness", indem sie sich offen und laut für eine Form weiblicher Selbstdarstellung einsetzen, die die "speziellen Erfahrungen von kleinen Mädchen und ihre kulturelle Formierung weder ausschließt noch unterdrückt und entwertet" (ebd.: 183).
Joanne Gottlieb und Gayle Wald sehen in dem Begriff "grrrl" den zentralen Aspekt der "riot grrrl"- Bewegung illustriert. Es handelt sich hierbei um eine "Wiederaneignung der Sprache des Patriarchats" (ebd.: 182). Die Begriffe "Mädchen" oder "girl" sind normativ-patriarchal gefüllt und werden in der Regel abwertend verwendet. Die "riot grrrls" erobern diese Begriffe zurück, indem sie ihnen eigene, oppositionelle und widersprüchliche Bedeutungen verleihen, die durch das "rrr" verdeutlicht werden. Dies zeigt sich ebenso in der Wahl der Band-Namen wie z.B. Hole, Nymphs, Dickless, Babes in Toyland, Cunts with Attitude oder 7-year-bitches: "Riot grrrls" bedienen sich sexistischer Klischees, um diese mittels Überbetonung und Ironisierung "ver-kehrt an diejenigen zurückzugeben, die sie verliehen haben" (Tietjen 1996: 125). Die Annahme und Re-Inszenierung bestehender Stigmata wie "Schlampe" oder "Hure" ist "eine subversive Politikform, weil die etablierten Bedeutungen nicht rundweg abgelehnt werden (...), sondern indem die Bedeutungen im Gegenteil überbetont und so, wenn nicht zerstört, so doch zumindest lächerlich gemacht werden" (ebd.: 125). Die Bühnenshows der "riot grrrls" visualisieren diese Politik, indem lauter, aggressiver Punkrock mit einer sexualisierten Inszenierung einhergeht. Spitzenkleider und Baby-Dolls, "zu kurze" Röcke, Make-up oder das Spielen von Instrumenten ohne Oberbekleidung zeugen von einer parodistischen Selbstdarstellung, da die gesungenen oder gebrüllten Songtexte Vergewaltigung, Missbrauch und Sexismus thematisieren. "Riot grrrls" inszenieren sich durch ihr Outfit eigenmächtig als sexualisierte Objekte. So wird das Bild, aus dem "sexistische und misogyne Träume sind" (Gottlieb/Wald 1995: 185), ins Scheinwerferlicht gezerrt. Gottlieb und Wald beschreiben diese Darstellungs-formen als "eine Art Gegengift gegen die vorausgegangenen Vergewaltigungen (...) " (ebd.: 185). Aus diesem Grund stellen die Bühnenshows der "riot grrrls" eine feministische Praxis dar. Ihre überzeichneten, sexualisierten Inszenierungen greifen den patriarchalen, sexistischen Blick auf, um ihn dem Publikum ironisiert entgegenzuschleudern. Diese "zynische Verbeugung vor der Porno- und Kulturindustire" (Tietjen 1996: 125) beschreibt Sabine Tietjen als den "kynischen Trick" (ebd.: 126), der auf den Philosophen Diogenes von Sinope zurückgeht. Dieser wurde von den Bürgern "ho kyon", der Hund, genannt, da er in einer Tonne auf dem Marktplatz wohnte. Er reagierte auf diese Beleidigung nicht mit Ablehnung, sondern nahm den Titel an, indem er den Bürgern ans Bein pinkelte. Der kynische Trick wirkt irritierend, da die Annahme von (fremd)auferlegten Stigmata überraschend und unerwartet erfolgt: Anstatt sich gegen die Termini "Schlampe" oder "Hure" zu wehren, zelebrieren "riot grrrls" diese Begriffe, indem sie sich z.B. mit Lippenstift "Schlampe" auf den Bauch schreiben. An diesem Beispiel wird deutlich, dass es sich bei dem kynischen Trick um eine Spielart des "semiotischen Guerillakriegs" (vgl. Eco 1967) handelt. Stigmatisierende Zeichen werden nicht einfach angenommen, sondern überbetont. Die sexualisierten Inszenierungen der "riot grrrls" erlangen ihren zynischen Charakter, indem direkt und explizit auf die Verobjektivierung hingewiesen wird - nämlich durch den Wortlaut "Schlampe", der auf dem nackten Oberkörper steht. Diese überzeichnete Verwendung sexualisierter Symboliken gleicht einer parodistischen Selbstinszenierung im Sinne Butlers (vgl. Butler 1991: 209ff.). Indem sich "riot grrrls" eigenmächtig als sexualisierte Objekte in Szene setzen, folgen sie dem patriarchalen Blick. Hier greift Butlers Gedanke der subversiven Wiederholung: "In bestimmter Hinsicht steht jede Bezeichnung im Horizont des Wiederholungszwanges; daher ist die ‚Handlungsmöglichkeit' in der Möglichkeit anzusiedeln, diese Wiederholungen zu variieren" (Butler 1991: 213).
"Riot grrrls" handeln in diesem Sinne: Sie wiederholen den patriarchalen Blick durch die Annahme der Stigmata "Hure" oder "Schlampe", indem sie die dafür vorgesehenen Symboliken (z.B. körperbetonte oder gar keine Kleidung) verwenden; gleichzeitig variieren sie den patriarchalen Blick, da sie ihn in einem anti-sexistischen Kontext äußern - ihre Musiktexte und Publikationen sind feministisch. "Riot grrrls" verschieben den hegemonial-sexistischen Blick, indem sie ihn annehmen, überbetonen und ihn damit ad absurdum führen. Sie greifen zu dem Mittel der Ironie, dessen Zweck die Irritation der patriarchalen Matrix ist. Sexistische und misogyne Zeichen funktionieren im feministischen Kontext als zynischer Aufruf, die patriarchale Matrix zu zerstören.
Der politische Kampf auf der Ebene der Zeichen, der "semiotische Guerillakrieg", manifestiert sich demnach in der Überbetonung von Zeichen, die durch den kynischen Trick und der subversiven Wiederholung im Sinne Butlers erfolgen; eine weitere Waffe im Kampf um die Signifikation stellt die Strategie der Bricolage dar. Das Konzept der Bricolage recodiert und relokalisiert Zeichen innerhalb des hegemonialen Zeichensystems. Zeichen werden aus ihrem ursprünglichen Bedeutungszusammenhang gerissen und an anderer Stelle lokalisiert. Das als Überschrift verwendete Zitat eines Flugblattes der "riot grrrls" - "I don't want to play girl to your boy no more" - ist aus diesem Grund nicht nur inhaltlich im Sinne einer anti-sexistischen Parole zu begreifen, sondern steht für die Politik der Bricolage: Die Gegenüberstellung der normativ gefüllten Zeichen Mädchen/Junge oder männlich/weiblich wird abgelehnt. Die ursprüngliche Bedeutung des Zeichens "Mädchen" - z.B. passiv, leise, zurückhaltend - wird mit neuen Bedeutungen gefüllt, die an anderer Stelle des Zeichensystems lokalisiert waren. Laut, aggressiv oder aktiv sind männlich konnotierte Attribute, die die "riot grrrls" für sich beanspruchen und damit der patriarchalen Zeichenproduktion zuwiderhandeln. Zudem ist die Strategie der subversiven Wiederholung und die der Bricolage vor dem Hintergrund der postmodernen Philosophie Lyotards als ein Sprachspiel zu verstehen; in ihr kommt die "Legitimität radikaler Pluralität der Sprachspiele, Lebensweisen, Handlungsformen" (Fechner 1990: 29) zum Ausdruck: Patriarchale Begriffe gelangen unzensiert in den Diskurs einer feministischen Bewegung - und werden durch Sprachspiele, die ihnen neue, anti-sexistische Konnotationen verleihen, zurückerobert. Allerdings führen die Sprachspiele der "riot grrrls" oftmals zu Missverständnissen und Fehlinterpretationen, wie folgendes Beispiel illustriert.

4. Von den "riot grrrls" zu den "Girlies"
Zu Beginn erwähnte ich bereits, dass die politischen Taktiken der "riot grrrls" als eine neue Form feministischer Praxis gewertet werden können. Die ironisierte Selbstzuschreibung von Stigmatisierungen im Kontext des kynischen Tricks sowie die subversive Wiederholung des patriarchalen Blicks sind politische Strategien, die bislang kaum innerhalb feministischer Politik-Konzeptionen zu finden waren (vgl. Nave-Herz 1993).
Der Grund hierfür ist die gewollte Gratwanderung, die dieser Politik der Überbetonung und Bricolage innewohnt. Normative feministische Politikentwürfe codieren "sexualisiert" als sexistisch (so z.B. der liberale Feminismus der EMMA oder Teile des linksradikalen Feminismus), während "riot grrrls" die "zynische Sexualisierung" als feministisch begreifen. Die Grenzen zwischen den beiden Polen "Sexualisierung = Sexismus/Objektstatus" und "zynische Sexualisierung = Feminismus" sind hybrid, da sie individuell empfunden werden. Die Unterscheidung von Zynismus auf der einen und Sexismus auf der anderen Seite, die die Strategie der ironischen Inszenierung verlangt, ist vorraussetzungsvoll und kann demzufolge zu Missinterpretationen führen. Tietjen zeigt dies in ihrem Aufsatz "Girlies - eine lachende Revolte" (1996). Sie untersucht über 150 Artikel, Berichte und Reportagen, um zu verdeutlichen, wie die "riot grrrl"- Bewegung von den Medien vereinnahmt, bagatellisiert und umgedeutet wurde.
Ihrer Analyse zufolge begann 1994 die Erschaffung von "weiblichen Wunderwesen in Blümchenrock und Kampfstiefeln'"(Tietjen 1996: 120) seitens Allegra, BZ, Bravo Girl, EMMA, FAZ, Spiegel, Stern, taz oder Zeit. Allen gemeinsam ist die Entpolitisierung und Domestizierung der "riot grrrl"- Subkultur durch das Verschweigen des feministischen Kontextes dieser Bewegung. Aus den "riot grrrls" wird das "Girlie - Phänomen" (vgl. Tietjen 1996: 124), das reibungslos in einen sexistischen Diskurs mündet. Es ist die Rede von "frechen Lolly-Lolitas" und "nur scheinbar unschuldigen Schulmädchen", die lieber "eine 69er- Nummer schieben (...) als die 68er- Bewegung endlos fortzusetzen". Die "neuen Mädchen" sind "meistens klein (oder groß), frech, sexy und so hübsch, als gebe es für das Hübschsein Bargeld auf dem Postamt". Zudem haben "Girlies knallenge, irre Klamotten, super-sexy Outfits, straffe Haut und leuchtende Augen, mit Karriereweibern (...) nichts im Sinn" und überlassen "das Denken (...) gern den Männern" (vgl. Tietjen 1996: 120-124).
Tietjen kommt zu dem Ergebnis, dass die "riot grrrl"- Bewegung "durch die Presse vereinnahmt und durchaus patriarchal um- bzw. neukonstruiert" (ebd.: 133) wurde. Außerdem ließ sich - neben Teilen des linksradikalen Feminismus - der "feministische Medien-Mainstream (...) überwiegend auf den konstruierten Männer-Mythos" ein und verschenkte die "Definitionsmacht" (ebd.: 133) über die feministische Subkultur der "riot grrrls". Die Gründe hierfür liegen meiner Ansicht nach in dem Unverständnis gegenüber den Taktiken der "riot grrrls". Die normativ-feministische Codierung "sexualisiert = sexistisch" weist der "riot grrrl"- Subkultur einen anti-emanzipatorischen Impetus zu. Dies geschieht durch eine isolierte Betrachung der Strategie der "subversiven Wiederholung": Wenn nur die Wiederholung des patriarchalen Blicks wahrgenommen wird, führt dies gezwungenermaßen zu einer Interpretation, die "sexualisiert" mit "sexistisch" gleichsetzt. Ausschlaggebend ist demnach die Betrachtung der Variation des patriarchalen Blicks, die Äußerung desselben innerhalb eines feministischen Kontextes. Fließt diese Subversion der patriarchalen Matrix nicht in die Analyse der "riot grrrl"- Subkultur mit ein, bleibt der anti-sexistische, emanzipatorische Anspruch der Bewegung verborgen. Eine einseitige Perspektive auf die Strategien und Taktiken der "riot grrrls", die ausschließlich das Moment der Wiederholung und nicht das der Subversion erkennt, führt demnach zu einer Missinterpretation der Subkultur. Der klassische Feminismus, sei es der liberale der EMMA oder der linksradikale, tappt so in die Falle des Patriarchats.
Vor diesem Hintergrund ist die Umdeutung der "riot grrrls" seitens des feministischen Mainstreams zu verstehen. Aus "riot grrrls" werden "Girlies", da der ironische und zynische Charakter der "riot grrrl"- Politik unberücksichtigt bleibt. Die Sprachspiele der "riot grrrls" werden als eine Spielart des patriarchalen Zeichensystems bagatellisiert.

5. "Grrrls only"
Kearny kennzeichnet in ihrem Aufsatz "'Don't Need You': Rethinking Identity Politics And Separatism From A Grrrl Perspective" (1998) die politische Praxis der "riot grrrl"- Bewegung als eine Praxis der Abgrenzung: "Riot grrrls have adopted the radical political philosophy and practice of separatism in order to liberate themselves from the misogyny, ageism, and, for some, homophobia and racism they experience in their everyday lives" (Kearny 1998: 149). Sie thematisiert hiermit den problematischen Aspekt einer essentialistischen Politik, die eine Subjektpositionierung aufgreift - in diesem Fall die Subjektpositionierung "grrrl" - und diese zum Ausgangspunkt politischer Handlungen stilisiert. Ich argumentiere mit Hall, dass eine "Politik, die darin besteht, Identität in der Differenz zu leben - eine Politik, die anerkennt, dass wir alle aus vielen sozialen Identitäten, nicht aus einer einzigen, zusammengesetzt sind" (Hall 1994: 84) handlungsleitend für postfeministische Politikformen ist. Eine Identitäten-Politik im Namen der "Frauen", "Schwarzen" oder "grrrls" birgt die Gefahr einer Essentialisierung und Universalisierung dieser Identifizierungen; weitere Subjektpositionierungen werden durch diese Abstraktion ausgeschlossen oder subsumiert. Kearny umschreibt die Problematik einer feministischen Politik, die auf dem Unterdrückungsmoment Sexismus rekurriert, folgendermaßen: "The homogenizing effect of a separatist women's culture might be compared to the colonizing effect of patriachal fantasies, wherein the diffrences among women are ignored so as to totalize all members into one containable category, ‚women'" (Kearny 1998: 165). Trotz dieser expliziten Kritik an separatististischen Ansätzen hält Kearny eine Identitäten-Politik für unerlässlich: "Considering the subordination of adolescent girls in our society, it seems only natural that riot grrrls are separating from males and older women as well as mainstream culture (...) to establish and assert their own sociopolitical identity via a culture that remains distinctly girl-oriented and unadulterated. Seperatism works for riot grrrls because it is temporary tactic enacted for safety and empowerment" (ebd.: 149).
Das Dilemmata feministischer Theorie und Praxis ist die gleichzeitige Unverzichtbarkeit sowie Unmöglichkeit einer Bezugnahme auf ein feministisches "Wir". Unmöglich, da postkoloniale feministische Kritik zeigt, dass ein feministisches "Wir" Hegemonie sichert und Ausschlüsse produziert; unverzichtbar, da politische Schlagkraft und Handlungsfähigkeit sich im Namen der "Frauen", "grrrls", "Schwarzen", "Lesben" etc. äussert: "Separatism has functioned for such groups first as a survival tactic, a temporary means of acquiring social, political, and cultural space and time by separating from hegemonically defined and controlled institutions, relationships, and roles" (Kearny 1998: 151).
Der Ambivalenz von Unmöglichkeit und Unverzichtbarkeit einer Identitäten-Politik stellt Gayatri Chakravorty Spivak den Entwurf des strategischen Essentialismus entgegen. Indem sie eine Unterscheidung zwischen essentialistischer und strategisch-essentialistischer Politik vornimmt, formuliert sie einen Ausweg aus dem Dilemmata feministischer Theorie und Praxis. Spivak argumentiert, dass "political agency is impossible without the creation of a common group identity formed through a ‚strategic essentialism' (...) which allows the disempowerment to own a place, to own their voices, and, thus, to assert themselves within hegemonic structures and relationships" (zitiert in Kearny 1998: 152).
Das Konzept des "strategischen Essentialismus" wird in dem Ansatz des Combahee River Collectives deutlich: "The women involved in the Combahee River Collecive during the 1970s formulated a theory of ‚identity politics' which allowed them to ground and motivate their political oppositional practices in their own experience as African-American women (...) the Combahee theory does not require its practitioners to essentialize into one category (e.g. woman). Instead, it allows them to assert their multiple subject positions and identifications (...) in order to resist the simultaneous oppressions which result from that heterogenous identity" (Kearny 1998: 168).
Kearny weist darauf hin, dass "many non-white and non-Western feminists have argued that a group's self-definition as marginal should never be confused with the strategies of homogenization and marginalization involved in forms of cultural hegemony such as colonialism" (ebd.: 166).
Die Feministischen Migrantinnen Frankfurt (FeMigra) sprechen in ihrem Aufsatz "Wir, die Seiltänzerinnen. Politische Strategien von Migrantinnen gegen Ethnisierung und Assimilation" (1994) von einer "Gratwanderung" (FeMigra 1994: 49), auf die sie sich begeben, wenn sie die Bezeichnung "Migrantinnen" als politische Identität formulieren. Die Konstruktion einer strategisch gedachten Identität ist "möglicherweise für einige ausschließend und für andere wiederum einengend" (ebd.: 49). Die Reflexion dieser Problematik markiert den Unterschied zwischen einer essentialistischen und einer strategisch-essentialistischen Politik. Erstere führt zu einer ahistorischen, kontextlosen Bezugnahme auf die Kategorie "Frau". Die Politik des strategischen Essentialismus will jedoch die Differenzen innerhalb der Kategorie "Frau" betonen und aufwerten. In diesem Zusammenhang ist die temporäre Ausrichtung des strategischen Essentialismus von großer Bedeutung, da diese den strategischen Gestus des Konzeptes unterstreicht. Eine temporäre Strategie impliziert die ständige Reflexion von politischen Konzeptionalisierungen; die Inblicknahme von möglichen Modifikationen - seien es gesellschaftliche oder gruppeninterne - wirken kontextlosen und ahistorischen Bestimmungen von politischen Taktiken und Zielen entgegen.
Eine strategisch-essentialistische Politik beinhaltet somit die Forderung nach einer unbedingten und ständigen Reflexion der eigenen Positionierungen und Aussagen: Von wo aus spreche ich? Vor welchem Hintergrund entwickle ich meine Positionen? In welchem Kontext entsteht meine Theorie und meine politische Praxis? Die Beantwortung dieser Fragen führt zu einer kritischen Selbstreflexion, die Prämisse für eine strategisch-essentialistische Politik ist. Kearny sieht in der "riot grrrl"- Bewegung diese Politik verwirklicht:
"For riot grrrls, identity politics means making a claim for and taking back what is theirs - adolescent girlhood - and reconstructing it as a position of social identification and political agency" (Kearny 1998: 156). Und weiter: "It might be helpful to look to groups such as riot grrrl to understand how a common group identity can be created, maintained, and powerfully asserted in a way that does not require ist members to abstract themselves from their specific subject positions and individual interests in history and society" (ebd.: 150).
Wie bewerkstelligen "riot grrrls" die Herausforderung einer Nicht-Abstraktion von individuellen Subjektpositionierungen bei gleichzeitiger Formulierung der gemeinsamen politischen Identität "grrrl"?
Das anschaulichste Beispiel hierfür ist das "Riot Grrrl- Manifest". Die Bezeichnung "Manifest" ist irreführend, da es sich nicht um die Formulierung allgemeingültiger, feststehender politischer Programme oder Forderungen handelt. Das Gegenteil ist der Fall: Seit Veröffentlichung des "Manifestes" (1991) wird es ständig korrigiert, erweitert oder revidiert. Der Entwurf kursiert von grrrl zu grrrl, von Gruppe zu Gruppe und wird immer wieder neu gestaltet und erarbeitet. Diese prinzipielle Offenheit der "riot grrrl"- Medien wird außerdem durch die Fanzine-Kultur verdeutlicht, da jedes "grrrl" die Möglichkeit hat, selbst ein Fanzine herauszugeben und/oder unzensiert ihre Meinung oder ihre persönlichen Erlebnisse in einem Fanzine wiederzugeben. Das Ergebnis der offenen Medienpolitik zeigt sich in der komplexen inhaltlichen Ausgestaltung der "riot grrrl"- Fanzines. Die Bandbreite erstreckt sich von dem Erzählen individueller Geschichten über Gedichte und Kurzgeschichten bis hin zu Konzertberichten, politischen Aufrufen oder theoretisch-feministischen Artikeln. Dieser patchworkartige Charakter der "riot grrrl"- Medien führt zu einer Selbstpräsentation der "grrrls", die Vielfalt und Offenheit signalisiert. Einer vereinheitlichenden und abstrahierenden Definition wird so entgegengewirkt. Der Begriff "riot grrrl" ist daher kein Begriff, der sich normativ füllen lässt; seine Bedeutung erschließt sich kontextuell, da die Subjektpositionierungen der jeweiligen Fanzine-Autorin/Sängerin/Künstlerin etc. ausschlaggebend für den Gehalt des Begriffes sind.
Meiner Ansicht nach illustriert das Fanzine-Konzept der "riot grrrls" die Lyotard'sche Forderung nach einem "Patchwork der Minderheiten". Die inhaltliche Vielfalt der Veröffentlichungen gleichen heterogenen Sprachspielen im Sinne Lyotards: "Die Gerechtigkeit wäre folgende: der Vielfalt und Unübersetzbarkeit der ineinander verschachtelten Sprachspiele ihre Autonomie, ihre Spezifität zuzuerkennen, sie nicht aufeinander zu reduzieren; mit einer Regel, die trotzdem eine allgemeine Regel wäre, nämlich ‚laßt spielen ... und laßt uns in Ruhe spielen'" (Lyotard 1982: 33).
Diese "allgemeine Regel" korrespondiert mit der undogmatischen Medienhandhabung der "riot grrrls". Da jedem "grrrl" die Möglichkeit gegeben ist, ihre eigene Geschichte oder politischen Interessen darzustellen, spricht jede für sich - "autonom" und "spezifisch", um es mit Lyotard auszudrücken. Es ergibt sich ein "Patchwork der Minderheiten", ein "Patchwork der Subjektpositionierung ‚grrrl'", da der Begriff "grrrl" sich kontextuell und perspektivistisch aus der Position jeder einzelnen Autorin/Künstlerin/Musikerin erschließt. Der Abstand zu normativen Entwürfen des Begriffs "grrrl" wird gewährleistet, indem die unterschiedlichen Subjektpositionierungen artikuliert und so abstrakte Gesamtdeutungen des Begriffs "grrrl" verhindert werden.
Hieraus schließe ich, dass das politische Konzept des "Patchwork der Minderheiten" einen strategisch-essentialistischen Charakter aufweist. Dies wird vor allem durch die Nähe zu den Überlegungen Butlers deutlich: Butler proklamiert die Notwendigkeit der Kategorie "Frau" für den Feminismus, meint aber, dass der Feminismus nicht wissen muss, wer diese "Frauen" sind (vgl. Butler 1993). Ähnlich verhält es sich mit der Subjektpositionierung "grrrl". Zwar bezieht sich die "riot grrrl"- Bewegung immer wieder auf diesen Entwurf, verhindert jedoch durch die offene und heterogene Medienpräsentation eine inhaltlich-normative Bestimmung des Begriffes, der Ausschlüsse produziert.

4. Zusammenfassung
Postfeministische Politik-Konzeptionen handeln sich den Vorwurf des Unpolitischen ein, da der klassische Feminismus - sei es der liberale oder linksradikale - an althergebrachten Politikformen festhält. Postfeministische Politik-Entwürfe erschließen neue feministische Widerstandsformen wie die der subversiven Wiederholung des patriarchalen Blicks oder die der parodistischen Selbstdarstellung im Sinne des "kynischen Tricks". Ironie, Zynismus und Subversion als politisch relevante Strategien und Taktiken werden oftmals im Kontext normativer feministischer Politik missverstanden, da sie patriarchale Klischees visualisieren und aufgreifen: Wenn ausschließlich die Darstellung patriarchaler Bilder wahrgenommen und der anti-sexistische, feministische Kontext dieses Konzeptes verschwiegen und übersehen wird, führt dies zu einer Umdeutung und Missinterpretation postfeministischer Taktiken als anti-emanzipatorisch.
Die Herausforderungen, vor denen der normative Feminismus steht - Problematisierung des feministischen "Wirs" sowie Infragestellung politischer Grundlagen - illustrieren zugleich die Herausforderungen an postfeministische Zeichen. Es gilt, den Vorwurf des Unpolitischen zu widerlegen und aufzuzeigen, dass gerade der Verlust normativer Konzeptionen als Gewinn für die feministische Theorie und Politik zu werten ist.
Ich begreife eine Politik im Zeichen des Postfeminismus als notwendigen Schritt in Richtung eines herrschaftskritischen, emanzipatorischen Feminismus. Das Zeichen "Frau" wird durch die postfeministische Perspektive von seinem normativen Gehalt befreit und so in eine Zukunft vielfältiger, heterogener Bedeutungen entlassen - die Kodifizierung einer "Anderen Frau", (die, die dem Feminismus nicht angehört, die Unpolitische, die "Schlampe", die Migrantin etc.) durch autoritäre Benennungspraktiken ist in diesem Zusammenhang nicht länger möglich. Das postfeministisch konnotierte Zeichen "Frau" lässt sich nicht universalistisch, abstrakt oder essentiell fassen. Es ist ein "Patchwork der Minderheiten", dem keine Mehrheit gegenübergestellt werden kann. So werden Ausschluss und Subsumtion der "Anderen Frauen" vermieden. Um dem eigenen Anspruch eines herrschaftsfreien Impetus gerecht zu werden, situiere ich Politik im Zeichen des Postfeminismus im Kontext eines strategischen Essentialismus. Dieser garantiert politische Handlungsfähigkeit jenseits eines kollektiven Subjektes "Frau", da er reflexiv und undogmatisch die Offenheit und Heterogenität des Zeichens "Frau" als oberstes Postulat bewahrt, ohne jedoch den Gebrauch des Zeichens zu zensieren. Es gibt sie also noch, diese "Frauen" - nur weiß niemand mehr, wer sie eigentlich sind (vgl. Butler 1993). Postfeministische Zeichen produzieren daher Uneindeutigkeiten, die jedoch nicht mit Unsicherheiten zu verwechseln sind: Es ist sicher, dass die Uneindeutigkeit des postfeministischen Zeichens "Frau" jenseits der Macht anzusiedeln ist - und daher eine Politk impliziert, die pointiert und schlagkräftig die patriarchale Matrix subvertiert.

 



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